Dr. Hugo Ohntrup

Die Spiekerooger Seminare. Ein Gespräch mit Dr. Hugo Ohntrup

von Christoph Thomas

Frage:

Lieber Herr Ohntrup, ich würde von Ihnen gern etwas über die Spiekerooger Seminare hören, wie Spiekeroog entstanden ist, wie die ersten Termine abgelaufen sind und wie Sie selbst dorthin gefunden haben.

 

Ohntrup:

Ich bin in Spiekeroog von Anfang an dabei gewesen. Das kam so zustande, daß Dr. Benno Wipp aus München, den ich bei meinem Homöopathie-Einführungskurs als Dozenten kennengelernt hatte, mir den Tip gab, in diesem Jahr – es war 1973 – würde in Spiekeroog zum ersten Mal eine Veranstaltung mit Dr. Künzli aus St. Gallen stattfinden; er würde mir doch sehr raten, daran teilzunehmen. Seinem Rat konnte ich entnehmen, daß er einen sehr hohen Begriff von diesem Kollegen haben mußte.

 

Zu dieser Zeit wurde die Homöopathie in der klassischen Form bei uns in Deutschland noch kaum praktiziert; es wurde nahezu ausschließlich im Sinne der bewährten Indikationen mit niederen Potenzen gearbeitet. Bei einem Kongreß der Internationalen Liga homöopathischer Ärzte hatte Herr Deichmann Raoul Gulle aus Argentinien nach Deutschland eingeladen. Herr Gulle kam und hat verschiedenen homöopathischen Kollegen, u.a. vom „Verein selbstdispensierender homöopathischer Ärzte“, in ihrer Praxis bei der Fallaufnahme assistiert. Gulle kannte die Arbeit mit dem Kentschen Repertorium – das war damals bei uns noch fast unbekannt. Nun stand er mit dem Repertorium neben den Kollegen und hat eingeworfen: „Aber hier im Kent steht das doch so und so!“ So hat er gezeigt, was das Repertorisieren für Vorteile mit sich bringt. Das hat Eindruck gemacht, daraus ist die Idee entstanden: Sollen wir nicht einmal solch eine Veranstaltung durchführen, wo man das Repertorisieren mit dem „Kent“erlernen kann? Und von wem konnte man das damals lernen? Das war Künzli, und Spiekeroog bot sich als Tagungsort an.

 

Das erste Seminar in Spiekeroog stand unmittelbar bevor. Zwei Tage vorher fragte Herr Tiedemann, der neben Herrn von Ungern-Sternberg Organisator dieser Seminare war, bei mir an, ob es mir wohl möglich wäre, Dr. Künzli, der über Hamburg käme, nach Spiekeroog mitzubringen. Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Die Gelegenheit, mit dem Hauptreferenten privatim die ganze Fahrt zusammenzusein – etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren! Künzli kam mit dem Flugzeug nach Hamburg und ist mit dem Zug noch ein Stück weit in die Heide gefahren. Es wurde vereinbart, ihn in Tostedt, einer kleinen Station zwischen Hamburg und Bremen – für mich von meinem Wohnort Heeslingen aus leicht erreichbar – abzuholen und dann gemeinsam nach Spiekeroog zu kommen.

 

Unterwegs nach Tostedt überlegte ich mir, wie ich ihn wohl erkennen könnte. Darüber war nämlich nicht gesprochen worden. Pünktlich lief der Zug ein. Die Aussteigenden waren auf dem Bahnsteig durch den Zug verdeckt. Zum Ausgang gelangt man in Tostedt nicht durch eine Unterführung, sondern mit einer Holztreppenüberführung. Ich musterte die Angekommenen durch, wie sie da die Treppe hinab dem Ausgang zustrebten: Einheimische, Schüler, Geschäftsreisende – lauter unauffällige Leute. Da fiel mein Blick auf einen hochgewachsenen schlanken Herrn, etwa in meinem Alter, der gemessenen Schrittes die Treppe herabkam. Ich sah ein schmales Gesicht mit markanten Zügen und einer hohen Stirn, die den Denker verriet. Kein Zweifel – das mußte er sein. Ich ging auf ihn zu, blickte in ein freundliches Gesicht mit sehr lieben Augen und brauchte nur noch zu sagen: „Sie sind Dr. Künzli, nicht wahr?“ Das war meine erste Begegnung mit meinem großen Lehrer, die heute, nach über 20 Jahren in meinem Gedächtnis noch ganz lebendig ist.

 

Er hat er bei uns übernachtet, und am folgenden Tag ging es gemeinsam weiter nach Spiekeroog. Daraus ist die schöne Gewohnheit geworden, daß er jedes Mal vorher angefragt hat: „Holst Du mich heuer wieder ab?“ So habe ich ihn Jahr für Jahr – insgesamt vierzehn Jahre lang – am Zug bzw. Flughafen abgeholt und mit zu uns nach Hause genommen; wir haben einen Abend miteinander verbracht und sind am nächsten Tag gemeinsam nach Spiekeroog gefahren. Das gab immer wieder schöne Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen.

 

Spiekeroog ist sehr malerisch. Ich bin schon als Kind auf dieser Insel gewesen; mir war dieses hübsche Dorf vertraut. 1973 haben wir mit – ich schätze – 25 bis 30 Kollegen begonnen. Wir haben zuerst im „Hotel zur Linde“ getagt, das bot damals noch Platz für uns alle. Das Seminar hat allen sehr gefallen. Deshalb ist es Jahr für Jahr fortgeführt worden, und ich bin die ganzen 14 Jahre dabeigewesen. Das war für mich jedesmal wieder ein Auffrischen der Kenntnisse und gab neuen Mut, nachdem ich im Alltagsstreß der Praxis nicht mehr alles so lege artis homöopathisch hatte lösen können, wie ich es gern gewollt hätte.

 

Diese Seminare haben rasch Schule gemacht; die Teilnehmerzahl wuchs von Mal zu Mal. So zogen wir um, zuerst in die Veranstaltungsräume der Kurverwaltung; dann mußten wir die große Inselhalle, die neu erbaut war, in Anspruch nehmen. Sie faßt maximal 150 Leute, deshalb mußten wir bei 150 Teilnehmern die Türen schließen. In den letzten ein bis zwei Jahren wurde der Kurs zweimal hintereinander abgehalten; so groß war der Andrang inzwischen geworden.

 

Frage:

Erinnern Sie sich noch an den einen oder anderen Kollegen, der schon am Anfang in Spiekeroog dabei war?

 

Ohntrup:

Zu den ersten Teilnehmern gehörten, ich erinnere mich noch, Herr Hildebrandt, Herr Schweitzer, Herr Gerd-Witte, Frau Pötters und Herr Braun. Herr Leers war da und hatte seine Kartei mitgebracht, die damals noch ganz neu war. Das sind die hauptsächlichen Namen, die mir aus der ersten Zeit einfallen. Außerdem gab es auch internationale Beteiligung von Kollegen. Vor allem die Holländer waren jedes Jahr mit einer ganzen Gruppe vertreten. Aus Polen, das weiß ich noch, kam Herr Losowsky, ein Hüne mit langem weißen Bart, und aus der DDR Herr Hollenberg aus Magdeburg.

 

Frage:

Vielleicht können Sie konkret etwas zum Ablauf erzählen, wie das Programm ausgesehen hat, was Dr. Künzli im Einzelnen gemacht hatte, damit man sich das etwas vorstellen kann.

 

Ohntrup:

Das Programm lief meist so ab, daß der Tag mit dem Besprechen eines Kapitels aus Kents „Vorlesungen zur Theorie der Homöopathie“ begann. Ein Kollege war jeweils von Dr. Künzli beauftragt, das entsprechende Kapitel vorzubereiten und es in Form eines kleinen Referates vorzutragen. Anschließend ist Künzli in die Tiefe gegangen und hat dieses Kapitel Abschnitt für Abschnitt vorlesen lassen. Das Vorlesen unterbrach er immer wieder mit den Worten: „Ja, bis dahin!“ und hat inhaltlich wichtige Dinge nochmals herausgearbeitet und mit seinen persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und Anmerkungen bereichert. Das war immer außerordendlich lehrreich!

 

Daran schloß sich die Bearbeitung eines Papierfalls an, den Dr. Künzli schon gelöst hatte. Solch ein Fall umfaßte oft 4-5 eng beschriebene DIN A4-Seiten mit Spontanbericht und beantworteten Fragen, ganz lebendig, wie eben die Anamnese zustande gekommen war. Es verlief immer so: Künzli hat den Fall ausgeteilt, und die Arbeit begann. Dann hieß es: „Wer das Mittel herausbekommen hat, kann zu mir kommen!“ Wer also von den Kursteilnehmern meinte, den Fall gelöst und das Mittel gefunden zu haben, konnte zu ihm kommen und ihm das Mittel und die Begründung dafür sagen. Da kam der eine zu ihm, dann der andere; immer wieder hieß es: „Nein, das ist nicht richtig!“ und „Nein, das ist nicht richtig!“ Manchmal gab es ein Lob, öfter aber ein immer freundliches „Nein, schauen Sie weiter nach.“

 

Schließlich kam der interessanteste und auch lehrreichste Abschnitt des Tages. Sobald genügend Kollegen den Fall gelöst hatten, hat Künzli begonnen: „Ja, nun wollen wir einmal sehen! Gehen wir den Fall einmal durch!“ Jetzt wurde der Fall im Plenum analysiert, Symptom für Symptom. Und jedesmals die Fragen: „Ist das ein gutes Symptom?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ — „Ist das ein gutes Symptom, nehmen wir das?“ – „Ja.“ – „Warum ist es ein gutes?“ — „Und welchen hierarchischen Platz bekommt es? Ist es ein auffallendes sonderliches Symptom, ein gut beobachtetes Geistes- und Gemütssymptom, ein Allgemeinsymptom, eine Causa oder ein Lokalsymptom?“ Diese Hierarchisierung bedeutet ja, daß man nicht einfach alle Symptome kunterbunt durcheinanderwerfen kann. Zuerst kommen die auffallenden und sonderlichen Zeichen und Symptome, danach die – das hat er immer wieder betont – gut beobachteten Geistes- und Gemütssymptome, als nächstes die Allgemeinsymptome, danach eine eventuelle Ursache und zum Schluß die Lokalsymptome.

 

Dieses Vorgehen hat allen Teilnehmern immer am meisten gebracht und geholfen, sich Symptom für Symptom die Frage vorzulegen, ob es sich dabei um ein gutes Symptom für die Mittelwahl handelt oder nicht. Wir waren uns in der Bewertung und Einschätzung nicht immer einig. Aber er begegnete unseren Einwänden oft mit einem unnachahmlichen, gedehnten „Jaaaah“, wobei er den Kopf bedächtig hin und her wiegte, und damit war die Frage kraft seiner Erfahrung und dem Behandlungserfolg entschieden.

 

Frage:

Wurden in Spiekeroog nur Papierfälle und Kents Theorie der Homöopathie behandelt, oder gab es auch „life“-Anamnesen, wie es Dr. Künzli z.B. in Weidenkam bei Dr. Stübler einmal gemacht hat? Und eine zweite Frage: Konnte man auch mit eigenen Fällen oder Fragen aus der Praxis kommen, gab es in Spiekeroog Raum auch dafür?

 

Ohntrup:

Im allgemeinen wurden Fälle behandelt, die er schon gelöst hatte. Er hat Papierfälle ausgeteilt und ist in Ruhe mit uns den Fall durchgegangen. Der Vorteil dieses Vorgehens gegenüber Life-Anamnesen ist ja der, daß Künzli von vornherein die Lösung wußte. Denn er brachte fast nur Fälle mit sehr langer, mindestens 10, 15 Jahre währender Behandlungs- und Beobachtungsdauer. So war er sich des Mittels sicher, und wir wußten, was er bringt, das stimmt wirklich.

 

Es gab auch Raum für eigene Fälle. Künzli war ja sehr zugänglich, wenn man ihn um Rat gefragt hat. In den ersten Jahren hat er auch private Fälle gelöst, wenn man an ihn herantrat. Kollegen hatten selbst Probleme oder ihre Familienangehörigen hatten Probleme, dann haben sie die mitgebracht, und er hat die noch nebenbei gelöst. Ab und zu wurden auch Patienten vorgestellt, bei denen die Anamnese geübt wurde. Aber das kam weniger häufig vor.

 

Wir haben auch die Anamnesetechnik unter uns geübt, indem ein Kollege den Patienten spielte und der andere den Therapeuten. Da wurde die Fragetechnik besprochen, die ja bei der homöopathischen Anamnese grundlegend wichtig ist: „War das so richtig gefragt? Wie muß man das machen, daß man keine verkehrten Fragestellungen bringt?“

 

Frage:

Als ich selbst im Jahr 1985 am Spiekerooger Seminar teilnahm, kann ich mich an einen äußerst schwierigen Fall erinnern, den, wie ich glaube, von über 100 anwesenden Kollegen kein einziger gelöst hat. Das Mittel war Thuja. Wir haben über diesem Fall mehrere Tage gesessen und geschwitzt.

 

Ohntrup:

Manchmal ließ uns Künzli zwei Tage lang über einem Fall sitzen und brüten. Keiner kam auf das Mittel. Er hat einfach gewartet – zwei Tage lang! Bei solch einem Vorgehen hat man am Ende wirklich viel gelernt. So sehr wir geschwitzt hatten, so groß war der Lerneffekt!

 

Für mich war immer besonders beeindruckend, mit welcher Souveränität er alle Fragen, auch die kritischen Fragen und Zweifel, gemeistert hat. Es war ja ein großer Kreis von vielen auch kritisch eingestellten Kollegen. Unter den Zuhörern dort gab es viele junge Menschen, die ja naturgemäß oft sehr kritisch eingestellt sind. Es war eindrucksvoll, wie alle sich seiner Autorität, die so gar nicht als Autorität auftrat, gefügt haben. Wenn er den Kopf wiegte und sagte: „Nja, ja….“, dann waren die Einwände vom Tisch! Seine Kompetenz und die Wahrhaftigkeit seiner Erfahrungen, die er uns mitteilte, wurden von niemandem angezweifelt.

 

Frage:

Dr. Künzli hat die Homöopathie sehr mit seinen Erfahrungen bereichert, z.B. mit seinen Nachträgen im Repertorium, mit Nachträgen von Mitteln und Rubriken entsprechend seiner Erfahrung und mit seinen berühmten roten Punkten. Sind diese Dinge auch schon in Spiekeroog behandelt worden?

 

Ohntrup:

Bevor das „Repertorium Generale“ mit Künzlis Punkten erschien, hat er in St. Gallen Kurse veranstaltet, in denen er den Teilnehmern seine Ergänzungen diktiert hat. Solche Ergänzungen sind auch in Spiekeroog bisweilen miteingeflossen, die wir uns in den „Kent“ eintragen konnten. Das ist später in der Neuauflage des „Kent“, in seinem „Repertorium Generale“ zusammengefaßt, in welchem auch die Punkte eigens vermerkt sind.

 

Frage:

Vom Spiekerooger Seminar 1985 weiß ich, daß jeden Nachmittag kleinere Arbeitsgruppen gebildet wurden. In diesen Arbeitsgruppen gab es die Möglichkeit, sich in kleinerer Runde auszusprechen und zu beraten. Für die Dozenten dieser Arbeitsgruppen, bereits etwas erfahrenere homöopathische Kollegen, gab es außerdem eine separate Runde mit Dr. Künzli, wo diejenigen Fragen geklärt werden konnten, die in ihren jeweiligen Gruppen aufgetaucht waren. Aus ihrem Mund haben wir anschließend Künzlis Antwort wieder erfahren.

 

Ohntrup:

Nachmittags wurden, meist von Herrn von Ungern-Sternberg, kleinere Fälle ausgeteilt, wie sie in seiner Praxis vorgekommen waren. Dann wurden auch kleinere Arbeitsgruppen gebildet, in denen unter Anleitung erfahrenerer Kollegen – sie wurden als Tutoren bezeichnet – Fälle besprochen wurden. Anhand dieser Fälle konnten dann die Anfänger üben, wie man mit einem Fall verfährt, von der Anamnese bis zur Mittelwahl.

 

Unter den Kursteilnehmern gab es auch jedes Mal eine Anzahl Kollegen, die noch nie mit dem Kentschen Repertorium gearbeitet hatten. Nach einigen Jahren habe ich mich angeboten, mit einzuspringen, um Herrn Künzli zu entlasten. Ich habe das genauso gemacht, wie er das zu tun pflegte: Zu Beginn habe ich als Aufgabe zehn Symptome zum Suchen aufgegeben und gebeten, einmal die Zeit zu stoppen, wie lange die Suche dauert. Anschließend habe ich die Prinzipien erläutert, wie der ,Kent´ aufgebaut ist, und habe das Repertorisieren mit den Kollegen wirklich eine Woche lang getrimmt. Am Ende der Woche habe ich wiederum zehn Symptome zu suchen aufgegeben und nochmals die Zeit gestoppt: Das gab jedes Mal ein deutliches Erfolgserlebnis, daß man die Symptome nun wirklich viel schneller finden konnte.

 

Am Abend haben wir öfter noch gesellig zusammengesessen, z.B. in der „Linde“ oder in anderen Lokalen und haben miteinander gesprochen. Da ging es manchmal recht lustig zu. Ich weiß noch, wie Künzli immer fröhlich miteingestimmt hat in das Lied über Hahnemann mit ,Similia similibus´ – nach der Melodie von „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“. Da hat er immer fröhlich mitgesungen, er hat überhaupt sehr gern gesungen.

 

Er hatte auch einen feinen Humor und konnte sehr schöne Appenzeller Witze erzählen. Es gab z.B. einen Witz über die Wortkargheit des Berners. Drei Schweizer aus verschiedenen Kantonen wandern in den Bergen. Da sagt der eine: „I glaub´, da ist eine Kuh abigstürzt“ oder so ähnlich. Nach einer Stunde entgegnet der andere: „I glaub´ nicht.“ Mitten in der Nacht, als alle im Bett liegen, sagt der Berner plötzlich: „Ich kann gar nicht schlafen, wenn ihr euch immer so streitet!“

 

Frage:

Können Sie zur Wirkung von Spiekeroog etwas sagen? Zur Wirkung auf Sie selbst und auf andere Teilnehmer, die Sie näher miterlebt haben.

 

Ohntrup:

Herr Gerd-Witte hielt zu dieser Zeit auch Kurse in Münster ab. Ich habe an mehreren Kursen bei ihm teilgenommen; dort wurde genau das gelehrt, was Künzli in Spiekeroog geboten hatte. Da gab es bisweilen lustige Erlebnisse. Z.B. waren einige Kollegen vorher auf einem Kurs in Wien gewesen und sagten nun: „Das leuchtet hier alles viel besser ein als das, was wir in Wien gehört haben. Warum haben wir das nicht früher gewußt?“ Andere sagten: „Hier fällt immer der Name ,Spiekeroog, Spiekeroog´- Spiekeroog hin und Spiekeroog her, was ist denn das Besondere an Spiekeroog?“ Darauf Gerd-Witte: „Das Besondere an Spiekeroog ist das Erlebnis der großen Frustration! Wenn man nämlich bislang gedacht hatte, man verstände etwas von der Homöopathie und hört nun aber, was Künzli weiß und kann, und erfährt, daß man seine Fälle nicht lösen kann, dann ist man natürlich frustriert: Das eben ist das Erlebnis der großen Frustration! Aber wer diese Frustration nicht durchhält,“ so Gerd-Witte, „der ist in der Homöopathie sowieso weg vom Fenster.“

 

Während der letzten Spiekerooger Seminarwoche 1986 traten einige Kollegen an mich heran und fragten, ob wir diese Tradition nicht weiter fortsetzen und einen Arbeitskreis bilden könnten. Wir haben daraufhin im Bremer Raum einen kleinen Arbeitskreis gebildet mit Kollegen, die an der klassischen Homöopathie ernsthaft interessiert waren. Außer diesem ist noch ein zweiter Arbeitskreis entstanden mit Herrn Grunow, der selbst mehrfach in Spiekeroog gewesen war, und einigen Kollege aus dem Hamburger und Bremer Raum. fünf Jahre lang haben wir gemeinsam jedes Vierteljahr für ein Wochenende in Worpswede getagt. Dann hat uns Herr Grunowuns selbst überlassen. Das läuft nun weiter; wir treffen uns nach wie vor jedes Vierteljahr in Worpswede.

 

Frage:

Das Bild der Homöopathie hat sich ja seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland sehr gewandelt. Die Homöopathie, die damals in Deutschland überwiegend vertreten wurde, war im wesentlichen die Richtung der sog. klinischen Homöopathie. Soweit ich sehe, haben die Seminare von Dr. Künzli, besonders die von Spiekeroog, eine wichtige Rolle gespielt in dem Prozeß, in welchem die klassische Richtung innerhalb der Homöopathie deutlich an Bedeutung gewonnen hat.

 

Ohntrup:

Ich denke, daß Spiekeroog bei dieser Entwicklung eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat, aber das liegt ausschließlich an der Person Künzlis. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von ihm – sein Vater war ja bereits homöopathisch tätig gewesen, aber die Art der Homöopathie war damals noch ganz anders -, er hat gesagt: „Wir Kinder unseres Vaters, die wir homöopathisch behandelt wurden, waren immer länger krank als unsere Klassenkameraden!“ Deswegen hat er diesen Weg der klinischen Homöopathie mit der wiederholten Verabreichung niederer Potenzen ganz verlassen und hat den Hahnemannschen und Kentschen Weg der Einzelmittelgabe höherer Potenzen ganz stark herausgearbeitet und uns nahegebracht.

 

Andererseits ist es heute aber nicht überall bei dieser klassischen Linie geblieben, sondern aus mancherlei Richtungen drängen andere Einflüsse in die Homöopathie herein, welche dieses eindeutige, klare Bild immer wieder etwas variieren und verändern. Insofern ist das, was jetzt hier in Locarno stattfindet, sehr wichtig. Das ist genau die Linie von Künzli; ich fühle mich lebhaft an Spiekeroog und an Künzli erinnert. Es ist ja wichtig, daß alles, was vielleicht zu sehr psychologisiert oder auf andere Weise unterschiedlich interpretiert werden könnte, als nicht zuverlässig ausgeschieden wird, und daß sich der homöopathische Arzt nur auf das stützt, was tatsächlich sichere Zeichen und Symptome des Patienten sind. Die Seminare, die Dr. Spinedi in Locarno abhält, wecken in mir jedesmal die lebhafteste Erinnerung an Spiekeroog. Damals wie hier bei Herrn Spinedi  bin ich sehr davon beeindruckt, wie klar und überzeugend die Methode und Systematik klassischer Homöopathie von Hahnemann und Kent dargestellt werden.

 

Darin sehe ich auch eine Chance für eine Verständigung mit der naturwissenschaftlichen Schulmedizin. Systematisches Denken ist dem Schulmediziner vertraut, und je sauberer und korrekter gedacht und gearbeitet wird – wenn auch unter Zugrundelegung eines eigenständigen Paradigmas -, umso leichter kann der Schulmediziner, der zu exaktem Denken erzogen ist, zu einer ihm noch nicht vertrauten Methode Vertrauen fassen. Dies ändert sich aber sofort, wenn subjektive, spekulative, mystische und esoterische Ansichten mit der klaren Homöopathie vermischt werden. Stößt der Schulmediziner auf solche Elemente, muß er zwangsläufig an der ganzen Homöopathie irre werden.

 

Frage:

Gibt es noch andere Erlebnisse mit Dr. Künzli, an die Sie sich erinnern?

 

Ohntrup:

Ich erinnere mich an eine weitere Begebenheit. Ich bekam eine Cystitis und hätte das Bett hüten sollen. Ich war aber nicht im Bett zu halten, daraufhin ist die Blasenentzündung sogar hämorrhagisch geworden. Da habe ich Künzli angerufen. „Sagen Sie mir ein paar Symptome“, hat er gesagt, „dann rufen Sie mich in einer Viertelstunde wieder an“. Ich sollte ihm auf Anhieb Symptome nennen, aber welche? Ich weiß heute nicht mehr, was ich ihm damals erzählt habe. Ich weiß nur noch, daß ich bei irgendeinem Symptom etwas vorlaut bemerkte, ich dächte dabei an Thuja. Da hat er ganz streng gefragt: „Ist das Thuja?“ Ich bin ganz kleinlaut geworden. Als ich ihn wieder anrief, hat er gefragt: „Haben Sie Nux vomica im Haus?“ Ich habe nachgeguckt, ich hatte eine 200. „Besser wäre eine 1.000 oder eine 10.000. Naja, dann nehmen Sie denn die 200.“ Daraufhin wurden die Beschwerden schlagartig besser.

 

Eines Morgens kam Jost Künzli, ich erinnere mich – das war, als wir noch in der „Linde“ tagten -, ich war schon da, sonst war noch niemand im Raum. Er kam, packte seine Tasche aus und sagte plötzlich ganz unvermittelt: „Wir kennen uns nun schon so lange, wir könnten auch ,Du´ zueinander sagen.“ Ich war hin und weg, das hatte ich nicht für möglich gehalten! Das war einer der bewegendsten Momente in meinem Leben.

 

Die schönsten Unterhaltungen gab es für mich immer in der Zeit, wenn er bei uns zuhause zu Gast war, sowie am nächsten Tag auf unserer gemeinsamen Fahrt. Wir haben über alle möglichen privaten Dinge gesprochen, wo er immer sehr einfühlsam war und sehr gütig und väterlich. Doch in dem Augenblick, wo wir in Neuharlingersiel aus dem Auto stiegen, um die Überfahrt nach Spiekeroog anzutreten, war er sofort von Kollegen umringt und mit Beschlag belegt. Ab diesem Augenblick war an ein ruhiges Gespräch mit ihm nicht mehr zu denken.

 

 

Dieses Gespräch mit Dr. Hugo Ohntrup führte Dr. Christoph Thomas am 13. September 1993 in Locarno.