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Übersicht über die klassisch-homöopathische Behandlung von 146 Patienten mit der Diagnose „Atopische Dermatitis“ im Behandlungszeitraum April 1992 bis April 1994

Dr. Gerd Hofmann

Ich arbeite seit 1990 als Kinderarzt nach der Methode der klassischen Homöopathie in meiner Privatpraxis in Kühbach, einem kleinen Markt in Schwaben. Kinder – zum kleinen Teil auch Erwachsene – mit konstitutionellen Hautproblemen, vor allem mit atopischer Dermatitis, bilden einen Hauptanteil meiner Patienten.

Im April 1992 begann ich, alle Patienten mit Hautproblemen zu fotografieren. Der Grundgedanke war eine Dokumentation im wissenschaftlichen Sinn. Dieses Vorgehen hat sich aber im Lauf der Zeit auch als sehr günstig herausgestellt für die eigene Erfolgskontrolle wie auch für die Arbeit mit den Patienten bzw. den Eltern zur objektiven Verlaufsanalyse.

Als Mitglied der Supervisionsgruppe von Dr. Spinedi in Locarno – dies seit Frühjahr 1992 – fühle ich mich besonders der Vorgehensweise von Dr. Künzli verpflichtet. Vier von den aufgeführten Patienten konnten in der Supervisionsgruppe persönlich vorgestellt werden, wofür ich an dieser Stelle Dr. Spinedi ganz herzlich danken möchte.

Ich habe nun, d.h. im Oktober 1995, eine Übersicht erstellt über sämtliche von mir im Zeitraum von April 1992 bis April 1994 behandelte Patienten mit der Diagnose „Atopische Dermatitis“. Die Gesamtzahl dieser Patienten betrug 146, davon waren 79 männlich und 67 weiblich. Der Altersbereich lag zwischen 5 Monaten und 38 Jahren, das Durchschnittsalter bei Behandlungsbeginn war 7 Jahre.

 

Therapeutisches Vorgehen

Es wurden homöopathische Einzelmittel eingesetzt. Eine spezielle Diät wurde nicht eingehalten, es sei denn, sichere klinische Beobachtungen, eventuell durch RAST-Untersuchungen ergänzt, sprachen für eine eindeutige Unverträglichkeit. Zum Teil hatten die Eltern schon ätiologisch nicht sicher begründete diätetische Einschränkungen vorgenommen, die zunächst beibehalten und im Lauf der Therapie gelockert wurden. Drei Kinder litten an klinisch sicherer und im RAST-Test auf Milcheiweiß bestätigter Kuhmilchallergie. Zwei davon vertragen inzwischen Milch uneingeschränkt, ein Kind muß bis jetzt noch milcheiweißfrei ernährt werden (siehe Fall 6).

Allgemeine Ernährungshinweise (Süßigkeitenmißbrauch, Konservierungsstoffe, Ausgewogenheit etc.) wurden angesprochen, bildeten aber kein therapeutisches Prinzip.

Als Externa wurden verwendet: Linola-Fettsalbe, Hametum-Salbe, Calendula-Salbe oder Asche-Basis-Creme sowie unspezifische Ölbäder. Insbesondere bei juckenden oder nässenden Hauterscheinungen wurden Umschläge mit Stiefmütterchen-Tee oder verdünnter Calendula-Tinktur angewendet. In zwei Fällen verordnete ich kurzfristig Fenistil-Tropfen zur Juckreizstillung. Andere Hauttherapeutika wurden nicht eingesetzt. Bei Begleiterkrankungen, insbesondere Asthma, wurden schulmedizinische Mittel begleitend gegeben (z.B. Cromoglicinsäure, Beta-2-Sympathikomimetika oder ACC-Mucolytica), in keinem Fall Cortison lokal oder systemisch. Das Ausschleichen und Absetzen dieser Begleitmedizin wurde als Zeichen der Besserung der Grundkrankheit als Erfolgskriterium mit berücksichtigt.

 

Resultate

Bezüglich der Schwere der Erkrankung zu Behandlungsbeginn habe ich katamnestisch drei Gruppen gebildet:

  1. Leichte Fälle:

„Leichte“ Fälle bedeuten solche, bei denen die Hauterscheinungen auf ein bis zwei Körperstellen beschränkt waren; es bestanden weder wesentlicher Juckreiz, noch eine Störung des Allgemeinbefindens, noch eine Schlafstörung, noch wesentliche Begleiterkrankungen.

  1. Mittelschwere Fälle:

Als „mittelschwer“ wurden Fälle klassifiziert, bei denen sich Hauterscheinungen an mehreren Körperstellen befanden, mit Juckreiz und Schlafstörungen leichterer Art; es konnten leichtere Begleiterkrankungen bestehen wie Otitiden, Tonsillitiden, Heuschnupfen oder leichte Fälle von Atemwegsobstruktion.

  1. Schwere Fälle:

„Schwer“ wurden Fälle mit generalisierten, stark juckenden, impetigisierten, blutenden Hauterscheinungen bezeichnet, mit beträchtlicher Störung von Verhalten, Schlaf und Allgemeinbefinden, mit zusätzlichen Erkrankungen, insbesondere Verhaltensstörungen, schwerem Asthma mit Atemnot, chronisch rezidivierenden Otitiden oder Tonsillitiden u.ä.

Bezüglich der Beurteilung des Therapieerfolges habe ich folgende Einteilung vorgenommen:

a) Therapieerfolg „sehr gut“:

„Sehr guter“ Therapieerfolg heißt es bei eindeutiger Beschwerdefreiheit mit einem eindeutig bestimmten homöopathischen Mittel.

b) Therapieerfolg „wesentlich“:

„Wesentlicher“ Therapieerfolg bedeutet deutliche und sichtbare Verbesserung, auch der Begleiterkrankung, aber noch keine Heilung. In solchen Fällen frage ich die Patienten oder die Eltern, ob sie mit mir übereinstimmen, daß eine Besserung von 75% eingetreten sei. Mehrere homöopathische Mittel kamen nacheinander zur Anwendung, aber das wirklich heilende homöopathische Simile ist noch nicht deutlich geworden.

c) Therapieerfolg „mäßig“:

„Mäßig“ bezeichnet Fälle von unbefriedigender Besserung.

d) Therapieerfolg „fehlend“:

„Fehlender“ Erfolg bedeutet Therapieabbruch durch die Patienten bzw. deren Eltern oder kein Therapieerfolg innerhalb des beobachteten Zeitraumes oder sogar Auftreten wesentlicher neuer Erkrankungen.

 

Aufschlüsselung der Fälle

Schwergrad der Erkrankung Therapieerfolg:   
Anzahl der Patienten„sehr gut“„wesentlich“„mäßig“„fehlend“
Gruppe 1 - 3 zusammen:14652612112
Gruppe 1 („leicht“):29151031
Gruppe 2 („mittelschwer“):65213185
Gruppe 3 („schwer“):521620106
Gruppe 1 - 3 in Prozent:100%35,6%41,8%14,4%8,2%

Wie man sieht, variierte der Therapieerfolg in Abhängigkeit vom Schweregrad der Erkrankung: Während in der Gruppe A der leicht Erkrankten über die Hälfte der Patienten ein „sehr gutes“ Resultat aufwies, lag in Gruppe B der mittelschwer und in Gruppe C der schwer Erkrankten der Anteil der Fälle mit „wesentlichem“ Erfolg höher als der mit „sehr gutem“. D.h. je leichter die Erkrankung, desto höher war der Anteil optimaler Behandlungserfolge – zumindest bezogen auf die relativ kurze Behandlungsdauer von maximal 2 Jahren.

Die folgende Übersicht über die erfolgreich verabreichten homöopathischen Mittel beschränkt sich auf Gruppe A, d.h. auf diejenigen Fälle, in denen das Behandlungsergebnis sehr gut war. Denn nur in diesen Fällen beweist der klinische Verlauf, daß die Wahl des homöopathischen Mittels optimal angemessen war und daß das verabreichte Mittel ein gut wirkendes Simile oder das Simillimum des betreffenden Patienten ist.

 

Übersicht über die verwendeten eindeutigen Mittel aus der Erfolgsgruppe „sehr gut“:

Medikament:Fallzahl:
Calcium carbonicum:4
Calcium sulfuricum:1
Graphites:1
Lycopodium:13
Medorrhinum:1
Mercurius solubilis:1
Natrium muriaticum:4
Phosphor:5
Pulsatilla:1
Sepia:1
Silicea:1
Sulfur:19
zusammen:52

Exemplarisch möchte ich nun sechs Fälle aus den Gruppen der verschiedenen klinischen Schweregrade in Kurzberichten einschließlich Fotodokumentation vorstellen.

 

Fall 1

Carolin, geb. 1992; klinischer Schweregrad: „mittelschwer“, Behandlungserfolg: sehr gut, Heilmittel: Sulfur.

Blondes, freundliches, offenes und lebhaftes Kind; zieht sich gerne aus und läuft gerne barfuß; Nackenschweiß im Schlaf; Abneigung gegen Milch, sehr guter Esser, besonderes Verlangen nach sauren Sachen; rot-rauhes Ekzem an beiden Handgelenken und Handrücken, mäßiger Juckreiz, schlechter durch Süßigkeiten. In der Vorgeschichte je eine Antibiotika-Behandlung wegen Otitis media und Angina purulenta.

Hierarchisation und Repertorisation

  1. auffallende, sonderliche Zeichen und Symptome nach § 153 Organon:
  1. Nackenschweiß nachts im Schlaf, „back, perspiration, cervical region, night“: Sulfur trägt einen Punkt;
  2. Hitzigkeit, läuft gern barfuß, „extremities, heat, foot, uncovers them“: die Rubrik trägt einen Punkt;
  1. gut beobachtete Geistes- und Gemütssymptome:
  1. Allgemeinsymptome:
    1. Schlaflage auf dem Rücken, „sleep, position, back, on“: Sulfur trägt einen Punkt;
    2. Süßigkeiten verschlechtern, „generalities, food, sweets agg.“;
    3. Abneigung gegen Milch, „stomach, aversion, milk“;
    4. Verlangen nach sauren Speisen, „stomach, desires, sour, acids, etc.“.

Im April 94 verabreichte ich Sulfur C 30 (jeweils DHU) mit deutlicher Besserung. Weitere Mittelgaben: die zweite Dosis Sulfur C 30  im Juli 94 und dreimal eine Gabe Sulfur C 200: im November 94, im Januar 95 und im Juli 95.

Status im August 1995:

Die Haut ist beschwerdefrei, seit Behandlungsbeginn sind keine wesentlichen Erkrankungen mehr aufgetreten, die Eltern sind sehr zufrieden.

 

Fall 2

Franziska, geb. 1989; klinischer Schweregrad: „mittelschwer“, Behandlungserfolg: sehr gut, Heilmittel: Sulfur.

Erstvorstellung im August 1992: Ein freundliches, interessiertes, unkompliziertes Mädchen ohne jede Ängste oder Hemmungen; sie hat Durst auf große Mengen, auch nachts trinkt sie eine große Flasche Kaba, hat einen guten Appetit, ein besonderes Verlangen nach Süß und nach Sauer und eine Abneigung gegen Eier. Es besteht ein juckendes, z.T. nässendes Ekzem am Hals und perioral, am Rücken und in den Ellenbeugen und Kniekehlen sowie eine Warze am rechten Großzeh. In der Vorgeschichte gab es gehäufte grippale Infekte und eine antibiotische Behandlung wegen Otitis media.

Hierarchisation und Repertorisation

  1. auffallende, sonderliche Zeichen und Symptome nach § 153 Organon:
  1. Durst auf große Mengen, „stomach, thirst, large quantities, for“: die Rubrik trägt einen Punkt;
  1. Allgemeinsymptome:
  1. Fußsohlenwarzen, „extremities, warts, feet soles“; li>
  2. Abneigung gegen Eier, „stomach, aversion, eggs“;
  3. Verlangen nach sauren Speisen, „stomach, desires, sour, acids, etc.“;
  1. Lokalsymptom:
  1. Hautausschläge speziell in den Gelenkbeugen, „extremities, eruptions, joints, bends of, eczema“: Rubrik mit Punkt. Auch in Kombination mit der übergeordneten Rubrik „eruption, joints, bend of“ ist diese Rubrik allerdings unvollständig, d.h. nicht selten fehlt das Mittel des Patienten in beiden Rubriken. Deshalb zählt dieses Symptom nur manchmal als auffallendes, sonderliches, manchmal dagegen nur als Lokalsymptom.

Ich verabreichte im August 92 Sulfur C 200 (jeweils DHU), das eine schlagartige Abheilung der Haut bewirkte. Im Winter 92/ 93 ging die Mutter mit ihr zum Hausarzt, Carolin bekam jeweils wegen Bronchitis und Scharlach Antibiotika, die Haut blieb trotzdem gut. Im Frühjahr 93 dann zunehmende Verschlechterung der Haut und Wiedervorstellung bei mir. Wiederum Gabe von Sulfur C 200 . Drei Tage später trat ein Scharlach-Rezidiv auf mit hohem Fieber und starkem Exanthem, unter Belladonna C 200 kam es zur raschen Gesundung. Danach kontinuierliche Besserung der Haut. Im Juli 93 habe ich wegen eines fieberhaften unspezifischen Infektes nochmals Sulfur C 30 verabreicht. Nach Sulfur C 200 im Oktober 93 wegen leichtem Hautrezidiv wurde die Haut beschwerdefrei. Im April 95 erhielt sie nochmals Sulfur C 200 .

Status im August 1995 (telefonisch):
Es geht gut, die Haut ist ohne Befund, es gab keine wesentlichen Erkrankungen seither, die Eltern sind sehr zufrieden.

 

Fall 3

Sabine, geb. 1983; klinischer Schweregrad: „schwer“, Behandlungserfolg: sehr gut, Heilmittel: Natrium muriaticum.

Seit 1990 in meiner Behandlung wegen Neurodermitis, besonders retroaurikulär, auf den Augenlidern, am Hals, in Ellenbeugen und Kniekehlen, wegen Heuschnupfen und wegem leichtem Asthma. Die Gabe von mehreren homöopathischen Mitteln (Sulfur, Pulsatilla, Phosphor, Eigenblut) erbrachte keinen Erfolg. Daraufhin im März 1993 nochmalige Fallaufnahme, Hierarchisation und Repertorisation:

  1. gut beobachtete Geistes- und Gemütssymptome:
  1. Angst beim Erwachen aus schrecklichen Träumen, „mind, anxiety, dreams, on waking from frightful“: die Rubrik trägt einen Punkt;
  2. Abneigung gegen Gesellschaft, „mind, company, aversion to, presence of the people agg. the symptoms“;
  3. Trost verschlechtert, „mind, consolation agg.“;
  1. Allgemeinsymptome:
  1. Meeresklima bessert das Allgemeinbefinden, „generalities, air, seashore, amel.“;
  2. Schafkotstuhl, „stool, sheep dung, like“;
  3. Fußsohlenwarzen, „extremities, warts, feet soles“;
  4. Heuasthma, „nose, coryza, annual (hay fever), asthmatic breathing“ bzw. „respiration, asthmatic, hay asthma“;
  5. Schwindel an hochgelegenen Orten, „vertigo, high places“;
  6. magere Person, „generalities, lean people“;
  7. Abneigung gegen Fleisch, „stomach, aversion, meat“;
  8. Verlangen nach sauren Speisen, „stomach, desires, sour, acids, etc.“;
  1. Lokalsymptome:
  1. Ausschläge speziell in den Gelenkbeugen, „extremities, eruptions, joints, bends of“: Natrium muriaticum trägt einen Punkt;
  2. Kopfweh durch Sonne, „head, pain, sun, from exposure to“;
  3. Ausschläge hinterm Ohr, „ear, eruptions, behind ears“;
  4. Ausschläge auf den Augenlidern, „eye, eruptions, lids, on“;
  5. Heuschnupfen, „nose, coryza, annual (hay fever)“.

Ich verabreichte Natrium muriaticum in insgesamt 10 Einzelgaben: zweimal D 200 (DHU): im März und im Mai 92, zweimal D 1000 (DHU): im Juli und im Oktober 92 sowie einmal C 10.000 (Homeoden): im Januar 93. Danach ging ich mit der Potenzstufe wieder nach unten und verabreichte zweimal D 200 (DHU): im August 93 und Mai 94, zweimal D 1000 (DHU): im Juni 94 und Dezember 94 sowie im Juli 95 einmalig C 10.000 (Homeoden) wegen eines kurzfristig aufgetretenen leichten Heuschnupfens, der innerhalb weniger Tage abklang.

Status im Oktober 1995:

Die Haut ist ohne Befund, ihre seelische Entwicklung ist sehr gut, sie ist derzeit völlig beschwerdefrei, die Eltern sind sehr zufrieden.

 

Fall 4

Daniela, geb. 1990; klinischer Schweregrad: „schwer“, Behandlungserfolg: sehr gut, Heilmittel: Sepia.

In meiner Behandlung seit Mai 1992 wegen atopischer Dermatitis mit starkem Juckreiz, Schlaf- und Verhaltensstörung und obstruktiven Bronchitiden. Sulfurund Calcium carbonicumwaren erfolglos, deshalb Vorstellung in unserer Supervision im März 93, wo Natrium muriaticum  empfohlen wurde. Natrium muriaticum C 1000 (Homeoden) am 4.4.93 und am 9.6.93 brachten zunächst eine Besserung von Verhalten und Schlaf, nach einer Gabe Natrium muriaticum 10.000 (Homeoden) am 9.9.93 verschlechterte sich wieder alles.

Die erneute Fallaufnahme, Hierarchisation und Repertorisation im Dezember 93 erbrachte folgende Symptome:

  1. auffallende, sonderliche Zeichen und Symptome nach § 153 Organon:
  1. Kopfschweiß im Schlaf, „head, perspiration, sleep, during“: die Rubrik trägt einen Punkt;
  1. gut beobachtete Geistes- und Gemütssymptome:
  1. Trost verschlechtert, „mind, consolation agg.“;
  2. Abneigung gegen Gesellschaft, „mind, company, aversion to, presence of the people agg. the symptoms“;
  3. Tanzen bessert, „mind, dancing, amel.“;
  4. furchtsam, „mind, anxiety“ bzw. „mind, timidity“;
  1. Allgemeinsymptome:
  1. Schafskotstuhl, „stool, sheep dung, like“;
  2. Milchschorf am Kopf, „head, milk crust“;
  3. Verlangen nach sauren Speisen, „stomach, desires, sour, acids, etc.“.
  1. Lokalsymptom:
  1. Ausschläge in den Gelenkbeugen, „extremities, eruptions, joints, bends of“: Sepia trägt einen Punkt;

Meine Wahl fiel nun auf Sepia, das den Fall kontinuierlich und ohne alle Komplikationen in Ordnung brachte. Ich verabreichte Sepia(jeweils DHU) je eine C 30 im Dezember 93 und im Januar 94, je eine C 200 Anfang März und Ende April 94, wieder je eine C 30 im Juli und im September 94 und je eine C 200 im Dezember 94 und im April 95.

Status im August 1995:

Ein geselliges freundliches Mädchen, sie hat keinerlei Infekte oder Bronchitiden mehr, ihre Haut ist beschwerdefrei, die Eltern sind überaus glücklich.

 

Fall 5

Michael, geb. 1991; klinischer Schweregrad: „schwer“, Behandlungserfolg: sehr gut, Heilmittel: Graphites.

Michael war wegen eines schweren septischen Krankheitsbildes mit Otitis media und „schwerem herpetiformem Ekzem“ vom 7.1.-14.2.1992 in einer Augsburger Kinderklinik mit Antibiotika, Zovirax systemisch und lokal sowie Bufexamac-Salben behandelt worden. Kurz nach Entlassung kam es wieder zu massiven herpetiformen Ausschlägen im Gesicht, hinter den Ohren und an den Beinen.

Die Fallaufnahme am 19.2.92 und die Hierarchisation und Repertorisation ergaben:

  1. auffallende, sonderliche Zeichen und Symptome nach § 153 Organon:
  1. feuchte Hautausschläge hinter den Ohren, „ear, eruptions, behind ears, moist“;
  2. Ohrschmalz vermehrt, „ear, wax, inreased“;
  1. Allgemeinsymptome:
  1. Füße eisig kalt, „extremities, coldness, foot, icy cold“;
  2. exzessiver Appetit, „stomach, appetite, ravenous“;
  3. Mangel an Körperwärme, „generalities, heat, vital, lack of“;.
  1. Lokalsymptome:
  1. Verstopfung bei Kindern, „rectum, constipation, children“;
  2. Hautausschläge feucht, „skin, eruptions, discharging, moist“;
  3. Hautausschläge, klebrig, „skin, eruptions, discharging, moist, glutinous“;
  4. Hautausschläge, krustig, „skin, eruptions, crusty“;
  5. Hautausschläge, herpesartig,„skin, eruptions, vesicular“;
  6. Hautausschläge im Gesicht, rissig, „face, eruptions, fissures“;
  7. Hautausschläge am Kopf, krustig, „head, eruptions, crusts, scaps“.

Ich verabreichte Graphites D 200(jeweils DHU) am 19.2.92. Nach drei Tagen kam es zu einer massiven eitrigen Otitis media beiderseits, mit übelriechendem eitrigen Sekret. Da ich wegen der Vorgeschichte ängstlich war, gab ich für zwei Tage Amoxicillin mit rascher Rückbildung der Otitis. Ansonsten deutliche Verbesserung des Allgemeinzustands, des Juckreizes und der Haut.

Wider besseres Wissen – Graphites ist ein langsam wirkendes Mittel! – verabreichte ich bereits am 23.3.92 eine zweite Dosis D 200, was weder eine weitere Besserung noch eine Verschlechterung brachte. Und nochmals wider besseres Wissen gab ich am 23.4.92 eine D 1000. Eine Grundregel der klassischen Homöopathie besagt nämlich, daß zwischen zwei Mittelgaben vom Potenzgrad C 30 an aufwärts mindestens 35 Tage Zeitabstand liegen sollte! Prompt führte die letztere Gabe zu einer massiven Verschlechterung der Haut – für die Dauer von etwa vier Wochen.

Aber ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich ungestörter Heilungsverlauf mit langsamer, aber stetiger Besserung. Nachdem im November 93 ein hochfieberhafter Infekt mit Chamomilla D 200 sehr rasch abgeklungen war, wurde die nächste Dosis Graphites erst wieder im Januar 93 nötig. Michael erhielt drei Einzeldosen D 30: im Januar, im April und im November 93 sowie zwei Einzeldosen D 200: im Mai 94 und im April 95.

Status im Oktober 1995:

Michael war bis auf einen fieberhaften Infekt nie mehr krank gewesen und gedieh prächtig bei gesunder Haut. Sehr zufriedene und dankbare Eltern.

 

Fall 6

Nicole, geb. 1993; klinischer Schweregrad: „schwer“, Behandlungserfolg: wesentliche Besserung; Heilmittel: Viola tricolor.

Im April 1994 stand die Mutter mit ihrem weinenden Kind unangemeldet in meiner Praxis. Ich legte eine Sonderschicht ein, nahm den Fall auf und repertorisierte.

Eine Gabe Sulfur Q 1(Gudjons) brachte eine deutliche Verschlechterung für viele Tage. Ich riet zu Lokalbehandlung mit Stiefmütterchen-Tee, was Nicole offensichtlich außerordentlich gut tat. Durch diese Tatsache wurde ich zum Nachlesen in der Arzneimittellehre angeregt und fand bei William Boericke [1] unter Viola tricolor, dem Stiefmütterchen:

„Impetigo, unerträgliches Jucken, besonders über Gesicht und Kopf, mit Brennen und Jucken, schlechter nachts, DICKE KRUSTEN, DIE AUFREIßEN UND EINEN ZÄHEN, GELBEN EITER absondern.“

All das traf für Nicole absolut zu! So kam ich auf das Mittel Viola tricolor. Vier Einzelgaben – zweimal Viola tricolor C 30 (jeweils DHU): am 25. April und am 14. Juni 94, und zweimal C 200: am 18. Juli und am 14. September 94 – bewirkten eine dramatische Abheilung und Gesundung der Haut.

Nun besteht aber bei Nicole folgendes Problem: Sie wurde im April 94 noch voll gestillt, da eine Flaschenmilchgabe eine starke urtikarielle Reaktion zur Folge hatte, was auch im RAST auf Milcheiweiß (RAST-Klasse 3) bestätigt wurde. Der Hautausschlag hatte sich aber trotz Kuhmilchkarenz – Nicole wurde zu diesem Zeitpunkt nur gestillt – wie auf den Fotos gezeigt, entwickelt. Trotz Gaben von Tuberculinum– bei sehr starker tuberkulöser Belastung in der Familie -, Rhus toxicodendron, Staphisagria, Sepia und nochmals Sulfur hat sich nichts daran geändert, daß Nicole auch auf kleinste Mengen Milch noch sofort mit urtikariellen Ausschlägen reagiert und ihr Fall der endgültigen Klärung bis jetzt entbehrt.

Status im August 1995:

Nicole geht es bestens, sie schläft und gedeiht gut, die Haut ist beschwerdefrei.

 

Zusammenfassung:

Bei meinen Patienten mit der Diagnose „atopische Dermatitis“ konnte ich mit den Mitteln der klassischen Homöopathie in etwa einem Drittel der Fälle, selbst bei schwerster Klinik und bei schwierigen Begleiterkrankungen, sehr gut helfen, d.h. eine Heilung im ganzheitlichen Sinn ermöglichen. In gut einem weiteren Drittel der Fälle war eine wesentliche und entscheidende Besserung eingetreten. Das knappe Drittel von Patienten, denen ich nicht oder nur wenig helfen konnte, wiegt schwer und fordert zur weiteren Intensivierung der homöopathischen Arbeit heraus.

Literatur:

  1. William Boericke: Handbuch der homöopathischen Materia medica, Heidelberg, 1992, Seite 794
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